2.1.3 Mittelalter und Neuzeit

Im Jahr 813 „klassifiziert das Konzil von Tours Trunkenheit als eines der Werke des Teufels, … und warnt, daß es körperlich schädlich ist“ (e.Ü., Austin 1985:65).

Ein schönes Beispiel für Alkoholismus und seine ganz andere Betrachtungsweise in der Vormoderne liefert der Chronist Thietmarus von Merseburg, der im elften Jahrhun­dert über den Prager Erzbischof Thiedagg schreibt, daß dieser „wegen einer unverschuldeten Krankheit maßlos trank. Er litt nämlich an einem Zittern der Hände und vermochte daher ohne Hilfe ihm zur Seite stehender Priester nicht mehr die Messe zu lesen. So siechte er dahin bis zu seinem Tode“ (cit. in Spode 1993a:160). Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem maßlosen Trinken und dem Symptom Handzittern wurde nicht hergestellt, sondern umgekehrt der Alkohol als Heilmittel gegen eine ‘Krankheit’ betrachtet, die wir heute als Entzugssymptom deuten können.

1528 schrieb der Theologe und Historiker Sebastian Franck (1499 1543?) sein Büchlein „Von dem grewlichen laster der trunckenhayt“. Er verwendet darin wohl erstmals die Bezeichnung ‘Weinsüchtige’, und sagt, daß der Wein ihr Gott sei (vgl. Kreutel 1988:53ff). Den Weinsüchtigen seien „all sinn verruckt und verkert“, so daß „der mensch kain mensch mer ist“, sondern der Teufel in Person. Der Trinker bekomme einen „blöden, dollen Kopf“, „schwindel im Haupte“, „trieffende augen“, „eyn stinckender athem“, „zyterend hend“, usw. (SQ Franck 1528: o.S., in den Kapiteln „Schad der seelen auß der trunckenhayt …“ und „Trunckenhayt verderbt den leyb, und ist ein ursach viler kranckhaytt …“).

Hier taucht also erstmals der Begriff ‘Sucht’ in Bezug auf Alkohol auf, jedoch im vormodernen Sinne von halb auf freiwilligem Entschluß, halb auf teuflischer Inspiration beruhender ‘Sünde’ oder ‘Leidenschaft’ (vgl. Kap. 3.2). Auch die „Baye­rische Landesordnung“ von 1553 berichtet über ungesunden Alkoholkonsum, der „dem menschen vilerlay sucht und kranckhaitn verursacht“ (cit. in Kreutel 1988:55).

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