2.2.3 Die Erbbiologen ‑ Wege zur Prohibition

Brühl‑Cramer vollzog mit seiner Definition der Trunksucht den im Sinne des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn entscheidenden Schritt von der ‘Schule’ zum ‘Paradigma’ (vgl. Spode 1993b:127). Doch die neue Sicht gewann erst allmählich und gegen Widerstände an Boden. Ab den 1830er Jahren kam es in Deutsch­land, ähnlich wie hundert Jahre vorher in England, zu einer ‘Branntweinpest’ (vgl. Spode 1993b:149‑203).

„Gegen den Branntwein, von dem man sagte, daß er die Schuld trug am Pauperismus, entwickelte sich eine breite Mäßigkeitsbewegung … ein von Geistlichen dominiertes Missionswerk, ein ‘Kreuzzug’, der auf religiösem Wissen basierte. … Für die Mäßigkeitsbewegung blieb der Branntwein ein ethisch‑moralisches Problem; einen krankhaften Zwang zu trinken konnte und durfte sie nicht denken“ (Spode 1993b: 129f).

Das neue Paradigma mußte gegen die Geistlichen verteidigt werden. Der Mediziner Carl Rösch schreibt 1839, es handele sich beim Trinken „nicht um ein angenommenes Laster, um ein Verlangen, welchem der Mensch wegen mangelnder Anwendung der Seelenkraft folgt, sondern um eine Krankheit, welche ihn zu saufen zwingt“ (SQ Rösch 1839:161). Sein Fachkollege Friedrich Wilhelm Boecker meint 1845: „Die Trunksüchtigen sind irre, sie gehören in eine Irrenanstalt“ und nicht in die Hände von Klerikern und medizinischen Laien (vgl. SQ Boecker 1845:137).

Nach der Etablierung des modernen Industriestaates begann eines der dunkelsten Kapitel des neuen Alkoholismusbegriffs. „In Deutschland war es die 1878 erschienene Arbeit Abraham Baers“ über den ‘Alcoholismus: seine Verbreitung und seine Wirkung auf den individuellen und sozialen Organismus’, „die dem medizinischen und außermedizinischen Diskurs einen erneuten Anstoß gab“ (Spode 1993b:133).

Im ‘sozialen Organismus’ der modernen Fabrik stellte man zuerst Leistungseinbußen durch Alkoholgenuß fest, später dann „in sämtlichen Bereichen und Ebenen der menschlichen Existenz“ (Spode 1993b:133). Immer zahlreichere Untersuchungen wurden angestellt, und dabei viele neue Erkenntnisse gewonnen, etwa über zellulare Schädigungen durch Alkohol im Gehirn.

Vor allem aber glaubte man die Vererbbarkeit von Trunksucht nun beweisen zu können, und leitete daraus eine schwere und zunehmende Schädigung des ‘Volkskörpers’ durch den Alkohol ab. Die mit dem Bürgertum aufgekommene Forderung nach Selbstkontrolle wurde nun zu einer absoluten: im Dienste der ‘Volksgesundheit’ sollte künftig auf jeden Alkoholgenuß verzichtet werden, nicht mehr nur auf Branntweine, sondern auch auf Bier und Wein.

„Eine neue Weltanschauung“ (Spode) entstand ‑ das Abstinenzlertum, viel radikaler als die vorherige Mäßigkeitsbewegung, die sich noch auf Branntwein be­schränkt hatte. Die neue Bewegung kam nun zudem wissenschaftlich untermauert daher. (Zu den Wissenschaftlern, die diese neue Weltanschauung mitbegründeten, vergleiche vor allem Finzen 1980, der dieses dunkle Kapitel der Alkoholismusforschung von den ‘Sozialdarwinisten’ über die ‘Degenerationstheoretiker’ bis zu den ‘Rassehygienikern’ kritisch und kenntnisreich be­schreibt.)

Die Abstinenzbewegung gewann zunehmend an Einfluß, nicht ohne auf wütende Gegenwehr durch einen Großteil der Bevölkerung zu stoßen (vgl. Spode 1993b:203ff). In einigen Ländern kam es schließlich zu einer Totalprohibition des Alkohols außer für medizinische Zwecke; so in den USA von 1919‑1933. Diese war der amerikanischen Nation nicht durch „politisch‑manipulative Machenschaften fanatischer moralisch‑religiöser Hinterwäldler“ aufgezwungen worden, wie viele später glaubten, sondern hatte die „Unterstützung von Industrie, medizinischer Wissen­schaft, Kirchen, progressiven urbanen Mittelklassen und ruralen Fundamentalisten besessen“ (vgl. Fahrenkrug 1984:157).

Bei dieser breiten Unterstützung wundert es nicht, daß die Prohibition zu Anfang durchaus erfolgreich gewesen zu sein scheint, entgegen der landläufigen Meinung: der Alkoholverbrauch wie die Zahl der alkoholbezogenen Gefängnis‑ und Psych­iatrieaufenthalte sank drastisch (vgl. Fahrenkrug 1984:157ff).

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